Schreibtipp-Thema: Schlüssige Charakterentwicklung in sechs Schritten.

(Achtung: Ich erhebe mit meinen Aussagen keinen Absolutheitsanspruch!) 

Was braucht Ihr für eine realistische Charakterentwicklung Eurer Roman-Figuren? 

(1/6) Basis-Charakter

Um eine Entwicklung darstellen zu können, braucht eure Figur eine Ausgangslage, von der aus sie sich überhaupt erst entwickeln kann.

Diese Ausgangslage bildet einen Basis-Charakter, den ihr zu Anfang eures Romans darstellen solltet (s. nächsten Beitrag: (2/6) Darstellung).

Er ergibt sich aus einer detaillierten Vorab-Konzeption, bei der zwei Dinge wichtig sind: A) die Vorgeschichte, die den Charakter der Figur bis zum zeitlichen Einsetzen des Romans geformt hat; und B) die aktuelle Ausgangslage, in der sich die Figur befindet. 

(Ihr werdet feststellen, A) und B) bedingen sich gegenseitig.) 


A) Zur Vorgeschichte 

Ich sage diesbezüglich immer gern: „Wir sind das Produkt unserer Umwelt.“ 

„Wir“ meint einen jeden von uns. Ich glaube das nicht zu 100%, schließlich gibt es auch noch unsere genetischen Anlagen. Nichtsdestoweniger ist das eine realitätsnahe Annahme, denn wir werden von unserer Geburt an durch unsere Umwelt und Kultur geprägt. 

Was müsst ihr euch also im Hinblick auf eure Figuren überlegen, um eine Charakter-Basis erstellen zu können: 

Möglichkeit I: Wie soll eure Figur zu Anfang sein? 

Kalt, hartherzig, pessimistisch und zornig – dann müsst ihr euch eine Vorgeschichte überlegen, die zu diesem Charakterzustand geführt hat. 

  • Hat diese Figur vielleicht in frühster Kindheit ihre Eltern verloren?  Musste sie in einem Waisenhaus aufwachsen, in dem es von den Betreuern/innen nicht geliebt wurde? 

Ihr merkt: Ursache & Wirkung. 

Möglichkeit II: Andersherum – Über was für eine Figur wollt ihr eine Geschichte schreiben? 

  • Vielleicht eine Figur, die im Laufe ihres Erwachsenwerdens alles bekommen hat, was sie wollte? (Ergo: habt ihr eine Vorgeschichte, aber noch keine Figur?) Dann müsst ihr euch realistisch überlegen, welche charakterlichen Konsequenzen das im logischsten Fall haben kann. 
  • Beispielsweise könnte diese Figur dann egoistisch veranlagt sein und Schwierigkeiten damit haben, ein „Nein“ zu akzeptieren. 
  • Der Charakter, der daraus erwachsen könnte, wäre möglicherweise egoistisch, ich-bezogen und manipulativ (um eben zu bekommen, was er/sie möchte). 

B) Aktuelle Lage 

Auch die aktuelle Lage deiner Figur zu Anfang deines Romans sollte sich (unter anderem!) aus bestimmten charakterlichen Umständen heraus ergeben haben. 

  • Als Beispiel die Figur, die ihre Eltern früh verloren hat und im Waisenhaus lebte: Höchstwahrscheinlich würde diese Figur nicht freiwillig in einem Beruf mit Kindern arbeiten (Kindergarten, Grundschule, Waisenhaus). 

!!! Das müsstet ihr schon sehr, sehr gut „begründen“ und ebenso gut darstellen können !!! 


Zusammengefasst muss die Basis eurer Figuren also logisch sein, um realistisch sein zu können. Der Basis-Charakter ergibt sich aus aktueller Lage und Vorgeschichte. 

Ihr müsst euren Leser davon überzeugen, dass der Charakter eurer Figur schlüssig und plausibel ist. Er muss angepasst sein an das, was die Figur erlebt hat, wie sie aufgewachsen ist und wie sie aktuell lebt. 

(Im Endeffekt ist auch ein wirrer Charakter mit einer eher unrealistischen Ausgangslage nicht völlig abwegig – sofern ihr das begründen könnt.) 

Ausgehend von dieser Basis ergibt sich um die Figur herum dann eine Entwicklung für den Verlauf des Romans. Dazu mehr im nächsten Beitrag.



(2/6) Darstellung

Im ersten Teil war von einem Basic-Charakter die Rede, der die Grundlage zur Veränderung/Entwicklung bildet.

Der Unterschied zwischen der Erstellung und Darstellung des Basic-Charakters liegt darin, dass ersteres außerhalb eures Romans für euch in eurem Kopf, in euren Notizen, per Collagen oder Steckbriefen passiert.

Die Ausgangslage müsst ihr dann zu Anfang eures Romans für den Leser eindeutig darstellen. Euch nützt der Basic-Charakter nichts, wenn ihr ihn eurem Leser nicht vorstellt. Um wen geht es eigentlich? Was ist die Ausgangslage der Person? Was für Probleme hat sie? Wie fühlt sie sich?
Für die meisten von euch ist das selbstverständlich, logisch. Aber ist es so einfach?

  • Bedenkt immer, dass euer Leser nicht weiß, was ihr wisst. Ihr müsst ihm die charakterliche und emotionale Ausgangslage eurer Figuren aus eurem Kopf ausreichend darlegen, damit er die folgende Entwicklung nachvollziehen/-empfinden kann.
  • Natürlich heißt „ausreichend“ nicht, dass ihr jedes Detail verraten müsst. Im Gegenteil! Die Kunst liegt darin, ein konkretes Bild zu zeichnen, auf den ersten 20 Seiten aber trotzdem ein Dutzend Fragen aufzuwerfen.
  • Hier ist der magische Weg, genau herauszufinden, wie wenig Darstellung euren Figuren genügt, um die Spannung und gleichzeitig auch das Verstehen möglichst hoch zu halten.

So könnt ihr euch das Verhältnis in etwa vorstellen. Natürlich gibt es auch andere Varianten und Möglichkeiten.

Irgendeine Grundlage braucht ihr jedoch immer. Auf den ersten 50 Seiten nicht einmal einen Namen zu erfahren, frustriert eure Leser ungemein. Da müsstet ihr schon andere Geschütze auffahren, um ihn durch extreme Verwirrung nicht zu verlieren.

  • D.h. euer Leser muss mit all seinen Sinnen und Emotionen vom Anfang der Geschichte abgeholt werden.
  • Baut Wissen und Spannung auf, die ihr in einen Konflikt leiten könnt.

>> Wie stellt ihr eure Figur am besten dar?

Indem ihr euch aussagekräftige Szenen aus dem Leben und Alltag ausdenkt/aussucht. Mit ihnen zeigt ihr eure Figur präzise und auf den Punkt, aber einem Potenzial zur Entwicklung.

Ein sehr, sehr wichtiger Aspekt in den einleitenden Szenen ist: Langweilt euren Leser nicht!

Das wohl passendste Beispiel hinsichtlich einer misslungenen Einleitung in den Roman wäre Folgendes:

Ihr schreibt das erste Kapitel – den Anfang, den aller erste Satz. Stellt euch vor, in eurem Buch soll es darum gehen, dass die Hauptfigur einen schweren Unfall hat, beide Beine verliert und im Laufe der Geschichte lernen soll, damit zu leben.

Es wäre völlig überflüssig und unbrauchbar, wenn euer erstes Kapitel davon handelt, wie der/die Betroffene am Tag VOR dem Unfall einkaufen fährt. Lasst eure Story möglichst mitten im Geschehen beginnen.

(Ausnahmen von der Regel gibt es immer: Man denke mal daran, dass mein Beispiel ganz anders aussehen würde, wenn der/die Protagonist/in es über alles liebt, drei Stunden zum Supermarkt zu laufen, um auf dem ebenso fußläufigen Rückweg Muskeltraining mit den Einkäufen zu betreiben.)

Es muss passen! Es muss logisch sein, „das Ganze“ muss für irgendetwas gut sein. Eure Darstellung muss einen Sinn verfolgen, denn idealerweise lasst ihr dabei bereits eine Art Konflikt spürbar werden, der die Entwicklung vorwärts treiben wird. Lasst euren Leser darüber spekulieren, grübel oder gar die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Zusammenfassend sind am Anfang eures Romans bei der Darstellung eurer Figuren also folgende Punkte wichtig:

  1. Informationen (nicht zu viel, nicht zu wenig)
  2. Spannung (möglichst viel, siehe Schaubild)
  3. Keine inhaltslosen Vorgeschichten (Das Buch beginnt im Geschehen!)
  4. Werft Fragen auf! (Öffnet einen Raum für Konflike, Spekulationen und Entwicklung)

Zum vierten Aspekt mehr in meinem nächsten Abschnitt.


Lasst mir gern ein Feedback da, ob mein Beitrag verständlich und hilfreich war! Das würde mir für die Zukunft sehr weiterhelfen, da ich dadurch meinen Input für euch optimieren kann. 



(3/6) Konfrontation

Wann verändert sich ein Mensch? Wann ändert sich ein Verhalten? Wann reflektiert man über sich selbst? Wann entsteht Entwicklung?

In der Psychologie geht man davon aus, dass Entwicklung jeden Tag stattfindet – und das bis ins hohe Alter, eigentlich bis zum Ende des Lebens. Kein Tag geht spurlos an einem vorbei. Jede Begegnung, jeder Text, den man liest, jede Konfrontation, jedes Nachdenken hinterlässt eine Veränderung – eine Entwicklung.

Daher gibt es auf meine eingangs gestellten Fragen unendlich viele Antworten. Einige mögliche wären:

  • wenn ein Mensch unglücklich ist
  • wenn ein Mensch mit dem aktuellen Verhalten nicht bekommt, was er bekommen möchte
  • wenn ein Mensch mit einem Problem konfrontiert wird, was er nach aktuellem Stand nicht lösen kann
  • wenn das aktuelle Verhalten/der aktuelle Charakter Schwierigkeiten mit sich bringt
  • durch einen Schicksalsschlag oder eine glückliche Fügung

Ihr könnt gerne einmal für euch selbst überlegen, was genau noch eine Veränderung, eine Entwicklung begünstigt. Fakt ist, dass der Ursprung einer Veränderung/Entwicklung so gestaltet sein sollte, dass sie mehr oder weniger bedingt, notwendig sein muss. Es ist, als ob ein Problem gelöst werden muss, woher auch immer dieses Problem kommt (das obliegt ganz allein eurer Kreativität).

Was bedeutet das also für eure Figuren in eurem Roman?

Etwas muss die Entwicklung/Veränderung eures Charakters anstoßen. Das ist am einfachsten ausgedrückt ein Ereignis, eine Konfrontation – ein Grund also.

Was ihr dementsprechend tun müsst?

Eurer Figur einen realistischen Grund liefern, damit eine Entwicklung und Veränderung zu durchleben, notwendig wird. Konfrontiert sie mit der Liebe, dem Schicksal, der Armut, der Gier, der Sehnsucht, Krankheit, dem Tod oder sogar Krieg (oder, oder, oder)! Eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Anstöße dafür können meine oben aufgelisteten Stichpunkte oder eure eigenen Überlegungen sein.

Wichtig:

1.  Die Motivation zur Veränderung sollte am besten aus der Figur heraus kommen. Eine externe Motivationsquelle kommt zwar auch infrage (bspw. gibt ein*e Freund*in eurem Protagonisten einen Tipp, wie er Ziel XY erreichen kann und diese Strategie fruchtet), könnte für den Leser aber nicht als intensive, wahrhaftige Weiterentwicklung wahrgenommen werden. Es könnte unbefriedigend für den Leser sein, wenn eure Figur durch Fremdbestimmung ans Ziel kommt (auch wenn das im echten Leben durchaus auch so ablaufen kann).

2. Ein Charakter ändert sich nicht bei der ersten Konfrontation. Zieht es, gestaltet ein Auf und Ab! Treib euren Leser damit in den Wahnsinn! Lasst es nicht einfach – plöpp – passieren! Lass die Figur alte „Fehler“ machen – vielleicht sogar energisch daran festhalten und immer wieder auf die Schnauze fliegen. Packt euren Leser, indem ihr eure Figur immer wieder mit der Umwelt und sich selbst konfrontiert. Der Leser muss sich im Endeffekt, bevor eure Figur es tatsächlich tut, denken: „Mach doch mal was anders, verdammt!“


Um euch ein Beispiel aus meinem (hoffentlich bald kommendem) Roman zu liefern:

Ich konfrontiere eine meiner Hauptfiguren mit etwas, dass er haben will. Um es zu bekommen, müsste er sein komplettes Weltbild auf den Kopf stellen und überdenken. Das, was man sein Leben lang gelernt hat, über den Haufen zu werfen, ist aber nicht so einfach. Ich werde diese Figur trotzdem immer und immer wieder mit dem, was er haben will, konfrontieren, damit vielleicht … hoffentlich irgendwann eine Entwicklung und Veränderung stattfindet (aber wer weiß das schon … :D).


Auf meinem Instagram-Account @zeilenfeuer habt ihr folgende Antworten auf die Frage, was einen Menschen verändert, gegeben:

  • wenn sich ein Mensch verliebt
  • wenn einem Menschen etwas zustößt
  • wenn ein Mensch seine Familie und seinen Job verliert und geächtet wird
  • wenn ein Mensch einen Mangel verspürt
  • wenn ein Mensch mit unbekannten Dingen konfrontiert wird
  • wenn ein Mensch mit Schmerz und Verrat konfrontiert wird

Na, schleudert euer Gehirn schon mit Ideen um sich?

Ich hoffe, mein Beitrag kann euch helfen, eine wunderbare Charakterentwicklung zu generieren. Schickt mir gern in den Kommentaren unten ein Feedback dazu. Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Schreiben und Konfrontieren!




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