Schreibtipp-Thema: Namensverwendung im Erzähltext


(Achtung: Ich erhebe mit meinen Aussagen keinen Absolutheitsanspruch!)


Teil 1 – Das Problem

Viele Autoren*innen stehen vor der Verfassung ihres Romans vor der Frage: Wie nenne ich meine Figuren?

Die einen tun sich schwer, finden, dass keiner so recht passt. Für andere gibt es nichts schöneres. Ihnen plumpst der richtige Name wie von Zauberhand ins Gehirn.


Ich behaupte, dass die Namensfindung noch lange nicht das größte Problem ist, mit dem sich ein*e Schriftsteller*inn diesbezüglich auseinandersetzen muss. In einem Erzähltext muss der Figuren-Name nicht nur theoretisch gesetzt sein, sondern auch seine Verwendung finden.

Ich beschäftige mich seit längerem mit abgerundeter Textgestaltung und wende dies nun auch praktisch im Lektoratsberuf an.

Worum geht es mir konkret? Ich rolle es mal von hinten auf.

Laut deutschem Online-Duden-Wörterbuch ist ein Pronomen ein „(deklinierbares) Wort, das ein [im Kontext vorkommendes] Nomen vertritt oder Nomen, mit dem es zusammen auftritt, näher bestimmt; Fürwort (z.B. er, mein, welcher)“. (Link zum Zitat)

In eurem Roman könnt ihr Pronomen für alles erdenkliche verwenden. Mir geht es in diesem Betrag primär darum, wie häufig man sie als Namensersatz gebraucht. Schließlich sollte man die handelnde Figur nicht in jedem zweiten Satz benennen. Genauso sollte man in der Ich-Perspektive aber auch nicht ständig das Pronomen „ich“ verwenden.


>> Erzählperspektive 3. Person Singular (Er/Sie(/Es)-Perspektive)

Im Studium der deutschen Sprache habe ich gelernt, dass ich einen Begriff nur ersetzen kann (darf!), wenn ich ihn vorab konkret benannt habe.

  • Im Falle eines Namens muss er explizit vorgekommen sein, bevor ich ihn durch ein Pronomen austauschen darf (das ist laut Duden-Definition der sogenannte „Kontext“)
  • Er (und weitere z.B. sein, ihm, ihn, etc.): Für männliche Figuren/Namen (auch männliche Gegenstände)
  • Sie (und weitere z.B. ihr, ihrer, etc.): Für weibliche Figuren/Namen (auch weibliche Gegenstände)
  • Es: Für neutrale/unbestimmte Figuren/Wesen wie bspw. das Monster, das Tier, das Wesen, etc.; (auch neutrale/unbestimmte Gegenstände)

Das ganze Unterfangen ist trotzdem nicht so einfach. Eine große Herausforderung ergibt sich bspw., wenn in einer Romanszene mehrere gleichgeschlechtliche Figuren miteinander agieren, reden, usw. Wie erzeugt man einen Überblick für den Leser, ohne in einem Dialog zehn Mal den gleichen Namen zu nennen?

  • Häufig sind ständige Namenswiederholungen ein großer Kritikpunkt, der darüber entscheidet, ob sich der Text flüssig lesen lässt oder holprig ist – ob das Buch als gut oder sprachlich nur mittelmäßig bewertet wird. Sie sind ein absoluter Text-Killer!
  • Wie oft sollte oder muss ich stattdessen Pronomen verwenden?

Ohne Pronomen kann ein Dialog für den Leser schnell zu einem lustigen Rätselraten werden. Ich schreibe selbst einen Roman und frage mich des öfteren, was zum Henker man denn schlussendlich tun soll?!

Ich habe gehört, dass eine stetige Verwendung des passenden Pronomens der einzig richtige Weg sei – man wisse ja schließlich, um wen es geht.

So ganz will sich mir diese Regel aber nicht erschließen. Denn: Wie oft kann ich schon „er, er, er“ oder „sie, sie, sie“ oder „ihm, ihm, ihm“ oder „ihr, ihr, ihr“ oder „ihnen, ihnen, ihnen“ verwenden? (Die Definition von „Wiederholung“ muss ich hier nicht anfügen.)

Also poche ich aus meinem logischen Sprachverständnis und Menschenverstand heraus darauf, dann man beim Schreiben eines Buches IMMER darauf achten muss, dass zu 100% verstanden werden kann, um wen es geht, wer spricht und was gemeint ist!

  • ungeachtet ein paar weniger Doppelungen (denn natürlich sollte das nicht ausarten!)
  • ungeachtet dessen, was als Text-Killer betrachtet wird
  • ungeachtet aller möglichen Ratgeber, die einem tunlichst davon abraten, auch nur ein einziges Wort in seinem Werk zwei Mal zu verwenden

>> Erzählperspektive 1. Person Singular (Ich-Perspektive)

Es gibt die Möglichkeit, sich ein Stück weit von dieser Problematik zu entfernen, indem man die Erzählperspektive bewusst abwägt und möglicherweise verändert.

  • Dabei muss man natürlich trotzdem auf sein Genre achten.
  • Wenn es für eures nicht gewöhnlich ist, aus der Ich-Perspektive geschrieben zu sein, dann würde ich dies aus allein sprachlichen Gründen auch nicht riskieren.

Ist eine Ich-Perspektive jedoch möglich, kann man mit ihr grade bei zwei gleichgeschlechtlichen Protagonisten oder überwigend gleichgeschlechtlichen Figuren eine Erleichterung erzeugen.

Trotzdem tun sich mit dieser Perspektive auch andere Dilemma auf, da man durch ihre Sicht hindurch auch wirklich nur ausschließlich über die Ich-Figur schreiben kann. Eine ständige Wiederholung von dem Pronomen „ich“ ist bei dieser Strategie eine sehr große Gefahr.

Diese Erzählperspektive stellt sich also als ein Lösungsweg heraus, die es nur bedingt zu sein vermag.

  • Auf keinen Fall kann man seinen Text einfach in die Ich-Perpsektive umformulieren (Sätze wie „Er wird rot.“ -> „Ich werde rot.“ funktionieren nicht mehr!)
  • Die Geschichte einer Figur ist aus der Ich-Perpsektive erzählt bedeutend anders als aus der Er/Sie(/Es)-Perspektive

>> Leserschaft

Bei der Textgestaltung kommt es schlicht und ergreifend auf die Verständlichkeit an. Diese ist in einer Relation zu seiner Leserschaft zu sehen.

Je jünger die Leser*innen sind, die mit einem Buch angesprochen werden sollen, umso mehr sollte man auf die Verständlichkeit achten. Kindern oder Jugendlichen U16 fällt es ggf. schwerer, bspw. einem Dialog aber auch generell der Handlung zu folgen, wenn nicht unkompliziert und aller Schönheit zum Trotz eindeutig klar ist, wer gerade wo und wie agiert.

Leser*innen U16 haben teilweise einen schärferen Blick für das Geschehen und dürfen dementsprechend gefördert werden. Eine Auslassen des Namens oder eines passenden Pronomens ist durchaus legitim.

Erwachsene haben meistens einen zügigeres Verständnis für den Text. Hier darf häufiger auf Tricks und Kniffe (bspw. wenn eine Figur mehrere Namen hat) zurückgegriffen werden.

  • Trotzdem sollte aber auch in diesen Büchern eine Inforamtion nicht wahllos ausgelassen werden, damit keine Doppelung entsteht!

Welche sprachlichen Stile, Tricks und Kniffe gibt es also, wenn man abwägen muss zwischen Name und Pronomen? Wenn man sein Manuskript abrunden, verfeinern möchte in dem ganzen Schwall an Wiederholungen? Wie kann man seine Erzählung vielfältiger gestalten? Wie sehen die sprachlichen Unterschiede für unterschiedliche Altersklassen konkret aus?


Teil 2 – Stilistik für unterschiedliche Altersklassen mit Beispieldialog

Für welche Altersklasse sich ein Roman eignet, hängt unter anderem vom Schreibniveau des Buches ab. Für jüngere Leser, bspw. U14, muss der Erzähltext leichter gestaltet sein, weil die das Lesen komplizierter, verschnörkelter und metaphorischer Texte erst noch lernen müssen.

Für Erwachsene darf das Ganze durchaus komplizierter sein.

Die Einordnung eures Romans zu einer passenden Leserschaft kann euch dazu verhelfen, festlegen zu können, wie einfach oder abwechslungsreich euer Text gestaltet sein muss.


A. KINDERBUCH

In einem Kinderbuch ist es bei vielen Sprechern in einer Dialog-Situation ratsam, den expliziten Namen der Figuren häufiger zu verwenden, da mehrere Redende ohnehin anspruchsvoller zu lesen sind.

Handelt es sich um eine Fantasie-Geschichte, können außerdem unterschiedliche – einfache! – Wesen verarbeitet werden (Bspw. Hexe, Zauberer, Zwerg; Troll, Elf und Ork könnten eventuell schon zu komplex sein).

Auch Beziehungen können genutzt werden, um den Text in einer angemessenen Weise anspruchsvoll und vielfältig zu gestalten. Kinder ab einem gewissen Alter verstehen Ausdrücke wie Schwester, Bruder, Mutter oder Vater gut.

Zuletzt ist zu erwähnen, dass die Textoptik so zu gestalten ist, dass sie das Verständnis unterstützt. In Kinderbüchern ist es überwiegend der Fall, dass zu jeder wörtlichen Rede genannt wird, wer spricht. Durch entsprechende Absätze kann das Gesagte eine eindeutige Zuordnung finden.

Im folgenden sprechen eine Hexe und die Geschwister Tom, Lili und Emil miteinander:

„Ich kann versuchen, euren Bruder zurück zu verwandeln“, spricht die Hexe und hebt ihren Zauberstab. Tom setzt den kleinen Frosch auf den Boden.

„Abrakadabra!“

Lili zittert.  Sie flüstert ihrem großen Bruder zu: „Ich hoffe, dass es klappt!“

Er legt einen Arm um ihre Schultern und drück sie an sich: „Bestimmt kann Anna Emil zurück verwandeln.“  

Blaue und gelbe Funken fliegen aus dem Zauberstab. Die Hexe schließt die Augen. Der kleine Frosch leuchtet rot. Mit einem Knall verschwindet er in einer Rauchwolke. Die Kinder müssen husten.

„Emil?“, piepst Lili. Der Rauch verfliegt und auf dem Boden hockt ihr kleiner Bruder. Sie rennt zu ihm und umarmt ihn.

Er schaut sich verwirrt um und fragt: „Was ist passiert?“

 Tom wuschelt durch Emils Haare und lacht. „Du warst ein Frosch und eine Hexe hat dich zurück verwandelt.“

Die Geschwister drehen ihre Köpfe hin und her, aber Anna ist verschwunden.

„Wo ist sie hin?“  

„Ist doch egal, Tom! Es ist gut, dass sie weg ist. Ich hatte Angst vor ihrer dicken Nase!“, meint Lili. Emil lacht.

Wie heißt die Hexe? Wer sagt „Abrakadabra“? Welches Kind ist am ältesten und am jüngsten? Wer sagt „Wo ist sie hin?“

In diesem Dialogbeispiel werden Beziehungen und besondere Wesen verarbeitet. Meistens wird durch Absätze und Verben wie „sagen“, „fragen“ und „meinen“ (etc.) verdeutlicht, wer spricht. Nur an zwei Stellen geschieht das nicht. Dort bringt einmal der besondere Ausdruck, der zur Hexe gehört, und die Folgeantwort zum Vorschein, wer gerade geredet hat. Damit ist dieser Auszug durchaus anspruchsvoll.


Das nicht so abwechslungsreiche Gegenbeispiel wäre:

„Ich kann versuchen, Emil zurück zu verwandeln“, spricht die Hexe und hebt ihren Zauberstab. Tom setzt den kleinen Frosch auf den Boden.

Die Hexe ruft: „Abrakadabra!“

Lili zittert.  Sie flüstert Tom zu: „Ich hoffe, dass es klappt!“

Tom legt einen Arm um ihre Schultern und drück sie an sich: „Bestimmt kann die Hexe Emil zurück verwandeln.“  

Blaue und gelbe Funken fliegen aus dem Zauberstab. Die Hexe schließt die Augen. Der kleine Frosch leuchtet rot. Mit einem Knall verschwindet er in einer Rauchwolke. Die Kinder müssen husten.

„Emil?“, piepst Lili. Der Rauch verfliegt und auf dem Boden hockt Emil. Sie rennt zu ihm und umarmt ihn.

Er schaut sich verwirrt um und fragt: „Was ist passiert?“

 Tom wuschelt durch Emils Haare und lacht. „Du warst ein Frosch und eine Hexe hat dich zurück verwandelt.“

Tom, Lili und Emil drehen ihre Köpfe hin und her, aber die Hexe ist verschwunden.

„Wo ist sie hin?“, fragt Tom.   

„Ist doch egal, Tom! Es ist gut, dass sie weg ist. Ich hatte Angst vor ihrer dicken Nase!“, meint Lili. Emil lacht.

In diesem Zuge erfährt man nichts über die Beziehungen. Wer ist älter, wer jünger? In einfacheren Geschichten werden die Informationen meist vorab genannt und im Dialog nicht noch einmal verarbeitet. Der*Die Leser*in soll nicht verwirrt werden. Stattdessen wird eine Eindeutigkeit erzeugt.

Die Hexe hat keinen Namen. Man presst nicht zu viel Input in die Geschichte. So wird der Dialog ebenfalls einfacher, aber weniger vielfältig. Er ist für wesentlich jüngere Kinder geeignet, könnte für ältere aber schon langweilig und eintönig sein.

Es kommt bei der Ausarbeitung also unter anderem maßgeblich auf die Lesergruppe an!


Teil 3 – Tricks und Kniffe



Erstes Foto von Petra Boekhoff von Pixabay

Zweites Foto von DreamyArt von Pixabay

Drittes Foto von

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: